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Der Elfenbeinturm liegt nicht am Kölner Neumarkt: Ein Gang mit Hejo Emons durch seinen kleinen, regionalen, internationalen Verlag

„Jeden Tag überlegen wir, was können wir besser, anders oder neu machen.“

Es ist einer dieser warmen Sommertage, als ich gegenüber von Hejo Emons Platz nehme. Wir sitzen an seinem Schreibtisch im Verlagsbüro in der Kölner Innenstadt.  Abwartend blickt mich der Gründer, Eigentümer und Leiter des Verlages Emons an. Buchladenblog, soso. Etwas Neues sei übrigens gerade im Entstehen, aber mehr könne er noch nicht verraten. Sagt es und lacht in sich hinein.

Wie man Spannung erzeugt, weiß man hier natürlich. Regionale Krimis sind die Spezialität des Hauses. Und zwar weltweit regional. Die Reihe 111 Orte / 111 Places findet man in jeder Buchhandlung. Aus Köln heraus wurden unlängst 7.000 Exemplare des Titels 111 Places in Queens That You Must Not Miss in New York verkauft. 6.000 Exemplare des Titels 111 Places in Sheffield That You Shouldn’t Miss verkaufte der Emons Verlag allein in der englischen Grafschaft South Yorkshire. Und das, obwohl die englische Auslieferung bei der Ankündigung noch die Hände überm Kopf zusammengeschlagen hat.

Und Emons so: Doch, machen wir!

Verlegerischer Eigensinn wird belohnt. Und Scheitern gehört dazu.

Allein etwa 100 Kriminalromane erscheinen jährlich bei Emons. „Ein kleiner, regionaler, internationaler Verlag.“ Denn regional, das bedeutet nicht Köln und Umgebung. Sondern regional punktet weltweit, auch im Lizenzgeschäft. Daher ärgert Hejo Emons, wenn jemand wie Denis Scheck in seiner Büchersendung mal eben alle regionalen Krimis für Mist erklärt. Auf dem Schreibtisch liegt ein Brief, den Hejo Emons gerade schrieb. An Denis Scheck.

Hejo Emons

Hart, aber nicht brutal.

Und der Verleger selbst? Wie hält er es so mit dem Lesen? Er lese alles, meint Hejo Emons. Na gut, er sagte in Wirklichkeit: „Ich lese auch jeden Scheiß.“ Um den heißen Brei redet er nicht herum. Er sei ein chaotischer, unstrukturierter Leser, liest, was das Zeug hält. Als Jugendlicher las er den Ulysses von James Joyce. Maurizio di Giovanni schätzt er sehr, der über Neapel in den 30er Jahren, den italienischen Faschismus und „seine Immigranten, die kleinen Diebe und die einfachen Leute, die kriminell werden, um zu essen“ schreibt (so die taz). 

Heute liegt auf seinem Schreibtisch ein Stapel Bücher, die ihm ein Freund zukommen ließ: „Das musst Du lesen.“  Macht er. Gern liest er harte amerikanische Kriminalromane. Hart, aber nicht brutal. Geschichten aus dem Milieu der Trump-Wählerschaft und des White Trash. Lesen, das bringt einen tiefer. Zu sich selbst, zur Gesellschaft, zum Leben.

Den Buchladen schätzt er, weil man hier den Kontakt zu Menschen und Büchern mit Haltung findet. Und es ist ein Ort, wo man sich nicht fürchten muss, wo man herumgehen und ohne Scheu Bücher aus dem Regal zupfen kann. Eine Heimat für Lesende. In der es oftmals Buchempfehlungen für die Gattin gibt.

Lesestoff für Hejo Emons

Hier sitzt einer nicht im Elfenbeinturm.

Denn wenn Hejo Emons aus dem Fenster blickt, sieht er direkt auf den Neumarkt, einer der zentralen und zugleich berüchtigsten Plätze in Köln: Drogen, Alkohol, Armut, Heimat- und Obdachlosigkeit gleich neben einer der höchstfrequentiertesten Einkaufsstraßen Deutschlands. Vorm Verlagsbüro das wahre, das wirkliche Leben. Weniger Realitätssinn hingegen wünscht sich Hejo Emons von seinen Autorinnen und Autoren.

Gerade die aus Deutschland treibt die Sehnsucht nach Realität um. „Mach‘ nicht das normale Zeug!“ heißt es dann. Eine Ermutigung zu Kuriositäten und kreativen Übertreibungen, das, was Fiktion uns erlaubt. Und was Lesen spannend und überraschend macht.

Und hier sitzt einer der Gründer der CRIME COLOGNE, des Kölner Krimifestivals. Ein solches Festival fehlte einer Stadt und einer Region, in der zahlreiche Krimis spielen, in der viele Autorinnen und Autoren, Verlage und Buchhandlungen im Krimi-Fieber leben und nicht zuletzt auch Krimis für Film und Fernsehen produziert werden. 2011 fand die CRIME COLOGNE erstmals statt. Und nun ist es wieder soweit: Vom 1. bis zum 7. Oktober wird es höchst kriminell in Köln.

Und auch wir sind wieder Location: Am 1.10. liest Susanne Saygin bei uns, moderiert von Ulrich Noller.

Der Verleger empfiehlt

Mit Hejo Emons gehe ich zum Abschluss noch in die Programmleitung und ins Lager.
Wir kommen mit drei Empfehlungen aus dem Hause Emons zurück:

Albert Frank, Tod vor dem Steffl
Die Kaiserstadt im Ausnahmezustand: Genetisch mutierte Riesentauben versetzen die Stadt in Angst und Schrecken.

Christof Gasser, Schwarzbubenland
Die Suche nach der verschollenen Gattin eines Alt Regierungsrates führt Journalistin Cora Johannis in ein kleines Dorf im Schwarzbubenland.

Gretel Mayer, Der Tod des Chiemseemalers
Sommer 1930. In einem Dorf am Ufer des Chiemsees wird der Kunstmaler Sachrang erschlagen in seinem Atelier aufgefunden. An Verdächtigen mangelt es nicht.

Wir empfehlen

Den Beitrag im BuchMarkt zu Hejo Emons‘ 65.
Den Veedelsspaziergang im KSTA mit Verleger durch Rodenkirchen.

Buchladenliebe und die Lage der lesenden Nation

In der Reihe #Buchladenliebe sprechen wir regelmäßig mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem Buchladen über ihre Arbeit. Manchmal auch mit Menschen, die dem Buchladen beruflich oder ideell verbunden sind. Wir machen gedanklich mit ihnen einen Gang durch ihre Schwerpunktgebiete: Wie ist die Lage der lesenden Nation? Was sind gerade die großen Themen? Welche Bücher und Begebenheiten waren in den letzten Wochen bemerkenswert, welche blieben hängen? Eine kollegiale Plauderei über Dies und Das, aufgezeichnet und nacherzählt von Wibke Ladwig.

 

 

 

Im Urlaub gelesen: Eine Reise vom New York der 1920er über ein finsteres Tal nach Portugal

Zwanzig Bücher reisten mit, fünf davon habe ich gelesen. Also, eigentlich fünf plus eins, denn es war auch eine Art Reiseführer dabei. Für über drei Wochen Urlaub ist das gar nicht mal viel. Gut, nun gab es in Frankreich viel zu tun: Mit dem Rad umherfahren, durch Dörfer und Städte pirschen, in der Gegend herumwandern, alle möglichen Tomatensorten ausprobieren – und einfach sitzen, sich hier und da einem von Tagträumen durchtränkten Nickerchen hingeben. Der Rest ist Lesen!

Lesen vorm Zelt

Und wie ich in der Ankündigung des Blogurlaubs versprach, erzähle ich von meiner Zeltlektüre. Denn unterwegs war ich im Zelt. Eine Art des Reisens, die man entweder liebt oder hasst. Ich liebe das: Die Zeit verschwimmt, man ist immer draußen, das Habitat ist überschaubar und man geht mit der Sonne zu Bett und sitzt mit ihrem Wiedererscheinen am Morgen beim ersten Kaffee. Und beim Buch.

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Lesen braucht Zeit: Das Buchladenblog macht Urlaub

Lesen hilft.

In so vielerlei Hinsicht. Hier im Blog gibt es inzwischen einiges zu lesen. Vor rund drei Monaten schrieben wir den ersten Satz hier hinein. Es folgten Gespräche beim Gang mit Guido durch die Literatur, mit Sara durch das Jugendbuch, mit Christiane durch den Krimi und mit Dorothee durch den Buchladen. Wir setzten uns mit Fernando Aco zum Buch. Und sammelten Dies und Das in diesem Internet.

Lesen verbindet:

Menschen, uns mit uns selbst, mit unserer Umgebung, mit der Welt, mit der Gegenwart wie auch mit vergangenen und zukünftigen Zeiten.

Lesen braucht Zeit.

Und daher ist hier für drei Wochen Ruhe im Karton. Es wird gelesen werden. Und wenn es in Gegenden geht, wo die Versorgung mit neuem Stoff nicht ohne weiteres gewährleistet ist, muss man Vorsorge treffen. Welches dieser Bücher Zeltlektüre wurde, wie sie sich lasen und was mir noch so da einfiel, wird Ende August hier im Blog enthüllt.

Und, nein, das sind gar nicht alle Bücher, die mitreisen. Aber ich kam mir doch selbst etwas seltsam vor angesichts des übertrieben großen Stapels. Aber man will auch ein bißchen (!) Auswahl haben, oder? Es wird mir ein einziger Lesemittwoch sein. Euch allen bis dahin schöne Sommertage und Zeit zum Lesen!

P.S. Und ich darf bereits den nächsten Beitrag ankündigen, in dem es mit Blick auf die Crime Cologne und im Gespräch mit einem besonderen Freund des Buchladens noch einmal um den Krimi gehen wird – und um verlegerischen Eigensinn und Unabhängigkeit.

Zwischen Brutal und Heimelig ein Rezept für gute Freundschaft: Ein Gang mit Christiane Dreiling durch den Krimi

Krimi: Ein Genre mit schmuddeliger Vergangenheit

Sommer in der Stadt. Von der Hitze ermattet sinken wir im Buchladen in die gemütlichen Streifensessel: Christiane reicht mir Wasser. Wir sprechen heute über den Kriminalroman. Christiane Dreiling ist für das Belletristik-Taschenbuch und die Krimi-Abteilung verantwortlich. Ein weites Feld – daher konzentrieren wir uns heute auf Krimis.

Christiane erzählt mir von ihren Anfängen damals im Buchhandel, als der Krimi noch als Schmuddelkind galt, als Unterhaltung (leicht näselnd mit steifer Oberlippe gesprochen). Wenige Verlage veröffentlichten Krimis, Diogenes, rororo oder Scherz sind drei davon. Geändert hat sich die Wahrnehmung dieses Genres insbesondere mit Henning Mankell, meint Christiane.

Und heute? Was sind Themen, die aktuell im Krimi verhandelt werden, welche Tendenzen gibt es, welche Empfehlungen gibt uns Christiane mit auf den Weg?

Christiane Dreiling ist für die Abteilungen Belletristik-Taschenbuch, Krimi sowie Geschenkbuch verantwortlich.

Japan als Krimiland

Wie sehr mancher Roman zwischen Literatur und Krimi changiert, zeigt sich gleich bei 64 von Hideo Yokoyama. Denn auch als ich vor einigen Wochen mit Guido einen Gang durch die Literatur machte, erzählte er mir von diesem Thriller. Ein tiefenscharfes Porträt der japanischen Gesellschaft, heißt es beim Deutschlandfunk. Ein klassischer Krimi ist 64 nicht. Spannend ist das Buch dennoch, auf eine langsame und enorm exakte Weise.

Christiane fällt Japan als Krimiland momentan besonders auf. Sie legt mir Geständnisse von Kane Minato hin, ein geradezu gemeiner Krimi, erzählt aus mehreren Perspektiven, ohne Ermittler, aber mit einem schön fiesen Racheplan. Finster und tiefschwarz ist auch Die Maske von Fuminori Nakamura. Auch hier erhält man beim Lesen tiefe Einblicke in das Japan und seine Menschen von Heute. 

Krimis (auch) für Nicht-Krimi- Leser

Ohnehin findet man immer wieder Krimis, in denen Gesellschaft und Geschichte auf den Grund gegangen wird: Die Gereon-Rath-Reihe von Volker Kutscher, die Krimis von Oliver Bottini oder die von Mechtild Borrmann. Alles Bücher auch für Nicht-Krimi-Leser, da sind wir uns in unseren Streifensesseln einig. Christiane erzählt, dass von Volker Kutscher und Mechtild Borrmann im Herbst Neues herauskommt. Auch von Fred Vargas kommt ein neues Buch. Und Elizabeth George bringt Vertrautes mit Inspector Lynley – der nunmehr neunzehnte Band.

Schöner reisen

Es gibt diese Tage, an denen man ganz froh ist, wenn man sich in vertraute Gefilde begeben darf.

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Gesammelte Werke: Begegnungen mit Menschen, Begegnungen mit Büchern

Gegenwart und Zukunft der Buchhandlungen

„Diese eigenartige Mischung aus Beharrung und Innovation, von haltbarer Ware, den sich oft nicht überschlagenden Fachverkäufern und Einfluss aus diesem Internet: Sie scheint mir zukunftsfähig.“ Martina Bergmann, geschätzte Kollegin, Buchhändlerin und Verlegerin aus dem ostwestfälischen Borgholzhausen, schrieb im Börsenblatt über den unabhängigen Buchhandel.

Im Hintergrund laufen bei uns bereits viele Überlegungen zur Woche unabhängiger Buchhandlungen. Was ist möglich, was ist nötig, um die Vorzüge eines Buchladens und des Lesens sichtbar und erlebbar zu machen?

Rainer Groothuis, Buchgestalter und eine Zeitlang selbst Verleger, ruft zu einem positiv aufgeladenen Bündnis für eine Kultur der Begegnung auf. Er verknüpft dies eng mit dem Buch, mit Literatur, mit Kultur, mit Gemeinschaft in nicht-digitalen Räumen.

Mit Social Media und einem experimentellen Format wie dem jüngst gestarteten #Lesemittwoch ist es uns ein Anliegen, Begegnungen über das Buch, über das Lesen und über das Leben in unserem Viertel im digitalen wie im nicht-digitalen Raum zu schaffen.

Aber natürlich ist unser vornehmlicher Wunsch, dass Menschen zu uns in den Buchladen kommen. Martina Bergmann erzählt in ihrem Beitrag von einer Kollegin, die für manche Kundinnen der einzige Mensch am Tag sei. Ja. Begegnungen mit Menschen, Begegnungen mit Büchern. Das ist Buchladen.

Schlaflos in Köln: Wir hatten Besuch

Begegnungen, Menschen, Bücher. Genau das fand vor kurzem vor Ort statt:

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