Eine Frage der Verhältnisse: Ein kleiner Gang mit Guido Krey durch die Belletristik

„Es passiert eigentlich nicht viel – außer das ganze Leben!“

Ein vergnüglicher Moment des gegenseiten Einvernehmens, als ich mit Guido Krey nebenan im Wernhers saß. Guido ist der Mann für die Belletristik im Buchladen. Für unseren Buchladenblog wollte ich von ihm wissen, worum es seiner Wahrnehmung nach in der Literatur geht. Welches sind die großen Themen in dieser Kunstform, die oftmals Seismograph der Gesellschaft ist?

 

Wie leben wir? Wollen wir das so?

Drei Bücher lagen vor uns. Zwei davon stehen exemplarisch für eine Reihe von Romanen, die sich mit den bestehenden Verhältnissen und deren Sinnhaftigkeit beschäftigen: Hochdeutschland von Alexander Schimmelbusch (Tropen Verlag) und So enden wir von Daniel Galera (Suhrkamp, aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner).

Während Alexander Schimmelbusch von einem Investmentbanker aus dem Taunus erzählt, der das System in Frage stellt und von Revolution träumt, treffen wir in Daniel Galeras Roman auf drei Freunde, die einst, Ende der 90er, Anfanger der 2000er Jahre, an die demokratische, freiheitliche Kraft des Internets glaubten und sich nun am Grab eines Freundes im Rückblick auf die letzten Jahren Fragen nach Freundschaft, Nähe, Erfolg, Hoffnung und Scheitern stellen. Muss alles so sein, wie es ist? Oder geht es auch anders? Was gibt dem Leben Halt, wenn das Wünschen nicht mehr hilft?

Retrospektiv: Das Jahr 1968

Verlage lieben Anlässe. Das Jahr 1968 ist daher ebenfalls sehr präsent. Interessanterweise passt die Retrospektive auf diese Zeit ganz gut zu den Romanen der Gegenwart, die die aktuellen Verhältnisse in Frage stellen. Guido reichte mir ein Buch aus der schönen, leuchtend roten Salto-Reihe des Wagenbach Verlags: Paris, Mai ’68 von Anne Wiazemsky.

Die Autorin lebte als Schauspielerin und Schriftstellerin in Paris und erlebte mit, wie 1968 ein von Fröhlichkeit und dem Glauben an Freiheit geprägter Aufbruch in dogmatische Gewalt kippte. Sie erzählt aus einer sehr persönlichen Perspektive, von ihrem Alltag zwischen Dreharbeiten und Demonstrationen. Und ihre Perspektive ist eine besondere: Sie war verheiratet mit Jean-Luc Goddard. Interessanterweise erschien das Buch in Frankreich bereits 2015. Die Übersetzung von Jan Rhein erschien 2018, ein Jahr nach dem Tod von Anne Wiazemsky.

 

Guido Krey liest unabhängig

Mir fiel auf, dass alle Bücher von unabhängigen Verlagen veröffentlicht wurden. Das ist nicht ganz zufällig, auch wenn Guido meinte, dass er schlicht liest, was ihn interessiert. Ihn treibt die Freude am Entdecken, am Auswählen – ganz der Sortiments-Buchhändler, dessen Ehrgeiz es ist, den Leserinnen und Lesern gute und besondere Empfehlungen machen zu können. Buchladen, das ist für ihn Serendipity:  Finden, von dem man noch nicht wusste, dass man es suchte.

Aber klar, es dürfen auch nicht die Bücher im Sortiment fehlen, die vom Nippeser Lesepublikum gezielt gesucht werden: Tyll von Daniel Kehlmann, die vier Bände der Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante oder die beiden Bücher des literarischen Klima-Quartetts von Maja Lunde.

Wiederentdeckt: Die Frau, die liebte

Wir streiften kurz die Frage nach dem Sinn der oft rasch aufeinanderfolgenden Veröffentlichungen im Frühjahr und Herbst und dem Fokus auf ebendiese Neuerscheinungen. Bücher werden immerhin selten schlecht und sind ein Wunder der Nachhaltigkeit. Guido erzählte mir von dem Buch der amerikanischen Autorin Janet Lewis: Die Frau, die liebte. Titelbild und Titel weisen eher auf die leichte Muse hin, doch Guido war ganz begeistert. Der Roman wurde erstmals 1941 veröffentlicht und war sogar noch lieferbar, als Janet Lewis 1998 mit 99 Jahren starb. Dann geriet er in Vergessenheit und wurde nun wiederentdeckt. Ganz offenbar ein Glücksfall – und das Buch kam natürlich mit.

 

Die royale Verstörung – nicht ohne Empfehlungen

Zwischendurch liest Guido auch immer mal einen Klassiker. Er pries etwa die Reihe der Neuübersetzungen im Hanser Verlag, die zum Wiederentdecken und Neulesen von literarischen Klassikern einladen. Und dann fiel der Satz: „Es passiert eigentlich nicht viel – außer das ganze Leben!“ Mir fiel da sofort Theodor Fontanes Stechlin ein. Guido aber meinte Henry James – und als ich ihn fragte, welche Buchempfehlungen er wohl dem frisch vermählten Paar Meghan und Harry geben würde, nun: Henry James.

Der Schriftsteller wurde 1843 in New York geboren, lebte von 1882 an in London und gilt als der Meister des psychologischen Romans. Er beleuchtete in seinen Schildungen menschlicher Irrungen und Wirrungen das transatlantische Verhältnis und die Auswirkungen der „alten“ und „neuen“ Welt aufeinander.Und so gäbe Guido Meghan Die Europäer mit und Harry Portrait of a lady. Es sei gegenseitig befruchtend, bemerkte Guido. Wir lachten. Wie passend.

„Wo bin ich denn hier gelandet?“

Eingeweihte, regelmäßige Besucher des Buchladens wie auch Passanten der letzten beiden Wochen wissen: Der Buchladen ist dem royalen Pomp und Prunk durchaus zugetan. Ob Koningsdag im Nachbarland oder eben eine Hochzeit im britischen Königshaus: Mit großem Vergnügen werden diese Ereignisse lustvoll zelebriert. Guido erlebte das zum ersten Mal – und staunte. Im Buchladen ist nichts Menschliches fremd und schließlich sind auch Königs Menschen.

Lesen verbindet. Welten und Menschen. Und wer mit Guido einen Schwatz über Literatur, über das Lesen, über Bücher halten möchte, wer sich ein Buch verschreiben lassen möchte oder Inspiration braucht: Ihr findet ihn bei uns im Buchladen. Auf bald!

Buchladenliebe und die Lage der lesenden Nation

In der Reihe #Buchladenliebe sprechen wir regelmäßig mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem Buchladen über ihre Arbeit. Wir machen gedanklich mit ihnen einen Gang durch ihre Schwerpunktgebiete: Wie ist die Lage der lesenden Nation? Was sind gerade die großen Themen? Welche Bücher und Begebenheiten waren in den letzten Wochen bemerkenswert, welche blieben hängen? Eine kollegiale Plauderei über Dies und Das, aufgezeichnet und nacherzählt von Wibke Ladwig.

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