Lesen hilft, den eigenen Weg zu finden: Ein kleiner Gang mit Sara Otto durch das Jugendbuch

Das Setting: Zwei Cappuccino, zwei Menschen, viele Bücher

Sie ist gerade eben zurück aus Portugal: Ich sitze mit Sara Otto im Wernhers im Nebenan. Wir sprechen übers Wandern, über das Gehen und das Lesen. Und über das Jugendbuch. Sara leitet das Kinder- und Jugendbuch im Buchladen. Auch Science-Fiction und Fantasy gehören dazu. Wie schon von Guido für die Literatur möchte ich von Sara wissen, worum es ihrer Wahrnehmung nach momentan im Jugendbuch geht. Welche Themen werden verhandelt? Gibt es einen bestimmten Sound im aktuellen Jugendbuch?

„Über Bücher können so viele Gespräche entstehen!“

Und man merkt Sara gut an, dass sie während ihrer Wanderungen durch Portugal einige dieser Gespräche hatte. Sie erzählt, dass es ihr ein Anliegen ist, genau das zu vermitteln: Dass man über Bücher miteinander in Kontakt kommen kann. Aber auch: Dass man mit sich selbst in Kontakt kommen kann. Lesen kann geradezu befreiend wirken, denn durch Geschichten und das Hineinversetzen in andere Menschen, Verhältnisse und Zeiten eröffnen sich Möglichkeiten und Ideen, wie Leben sein kann. Das kommt gerade im Jugendbuch zum Tragen, wenn es gilt, sich einen eigenen Weg zu suchen, für eigene Ideen und Vorstellungen einzustehen und Selbstwirksamkeit zu erfahren.

Da sind wir dann auch bei den Büchern, die Sara zuletzt besonders auffielen.

Tatendurst wird sichtbar

Es hat sich etwas verändert im Jugendbuch: Es gibt einen neuen Ton in Büchern über Feminismus und Ermächtigung von Mädchen und Frauen. Es ist ein frischer, ein ermutigender, mitunter ein fröhlicher Ton. Good Night Stories for Rebel Girls von Elena Favilli und Francesca Cavallo ist ein gutes Beispiel dafür. Kein reines Jugendbuch. Es changiert zwischen den Genres. Vielleicht ein Grund, warum es zunächst über Crowdfunding, also über die Vorfinanzierung vieler Leser*innen über eine digitale Plattform, veröffentlicht wurde.

Die Journalistin Elena Favilli und die Schriftstellerin und Theaterregisseurin Francesca Cavallo sammelten Geschichten über tatendurstige und beeindruckende Frauen der Weltgeschichte. Illustriert wurde es in ihrem jeweils ganz eigenem Stil von Frauen. Mit über einer Million Dollar wurde das Buch zum erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuch in der Geschichte des Crowdfundings. Ein Buch, das das Gespräch geradezu herausfordert.

Mir fiel dazu auch gleich Unerschrocken ein, in dem fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen zu finden sind. Eine fabelhafte Graphic Novel aus dem Reprodukt Verlag. Von beiden Büchern erscheint übrigens demnächst ein zweiter Teil.

Was ist schon normal?

Und auch wenn Sara vorhin noch meinte, ihr Kopf sei nach dem Wanderurlaub wie leergepustet, sind wir plötzlich mittendrin: Ein magischer Moment, in dem man sich gegenseitig unversehens anstrahlt und vom Hölzken aufs Stöcksken kommt. Also, in diesem Fall:  von Buch zu Buch. Sara kaufte vor zwei Jahren in London ein Buch von Holly Bourne, die in ihren Geschichten von den Spinster Girls die Frage stellt: Was ist schon normal? Was ist typisch Mädchen? Inzwischen sind sie bei dtv in deutscher Übersetzung von Nina Frey erschienen. Es geht natürlich auch um Jungsgeschichten. Über die die Mädchen letztlich zu sich selbst finden, sich als autark und eigenständig erleben.

Identitätsfindung: ein ganz großes Thema, das durchaus einher geht mit Politik und Gesellschaft. Sara legt mir The Hate U Give von Angie Thomas hin. Die Geschichte führt uns zur 16-jährigen Starr in die USA. Eine außerordentliche, eine starke Geschichte über das Ringen um ein gutes Leben, um Ungerechtigkeit, Medienöffentlichkeit, #blacklivesmatter, Scham und darum, eine eigene Stimme zu finden.

Jugendliche und Politik, geht das?

Jugendlichen wird oft nachgesagt, sie interessierten sich nicht sonderlich für Politik. Das kann Sara nicht bestätigen. In den Schulen treffen die Jugendlichen auf Geflüchtete ihres Alters. Die Konflikte und Gewalttaten der Welt finden in Echtzeit im selben Raum statt, in dem sie oft täglich unterwegs sind: Im digitalen Raum, in den Nachrichten, in Social Media. Sara verweist auf den Deutschen Jugendliteraturpreis, in dem die Jugendjury immer wieder überrascht und beispielsweise 2016 Sommer mit schwarzen Flügeln von Peer Martin zum Sieger kürte.

Alles super also? Nun, es gibt auch eine andere Seite im Jugendbuch. Nicht erst seit Twilight gab und gibt es immer wieder Geschichten, die missbräuchliche Beziehungen zum Thema haben, in denen sich Mädchen sogenannten Bad Boys unterwerfen und ein schwaches, abhängiges Frauenbild vermittelt wird. Die Tribute von Panem erschienen interessanterweise zeitgleich – und die empfiehlt Sara nach wie vor gern. Und es gibt sie, die guten Liebesgeschichten, die von einer Annäherung auf Augenhöhe erzählen: The Sun Is Also A Star von Nicola Yoon ist Saras Empfehlung.

Ist Jugendbuch eher ein Mädchending?

Eins der verhandelten Themen im Jugendbuch ist Feminismus und Empowerment. Tatsächlich, so Sara, sind im Jugendbuch im Buchladen die Mädchen präsenter. Im Alter von etwa zwölf oder 13 Jahren bleiben die Jungen weg oder landen bei Fantasy und Science-Fiction. Ohnehin hat es das Lesen schwer, sobald Kinder auf weiterführende Schulen wechseln. Es fehlt Zeit. Bücher lesen, das geht kaum nebenbei. Man braucht Muße, um sich auf eine Geschichte einlassen zu können. Um hinzulesen. Wer quasi Vollzeit arbeit-, äh, zur Schule geht und dann vielleicht noch was mit Freunden machen möchte, findet diese Muße schwerlich.

Sara ist nun seit dreieinhalb Jahren im Buchladen. In dieser Zeit hat sie sich im Buchladen eine Community aufgebaut: Ihr Testleserinnen und Testleser. Kinder und Jugendliche aus Nippes, mit denen sie in engem Kontakt steht und sich über Gelesenes austauscht. Ein guter Draht also zu denen, für die sie letztlich die Bücher für ihre Abteilungen auswählt.

Nach all den Jahren: Eine überraschende Begegnung

Und manchmal schließt sich ein Kreis: Am 23. April war Welttag des Buches. In der Zeit davor und danach hatte Sara jeden Morgen Schulklassen im Buchladen, denen sie erzählte, wie das so geht mit den Büchern: Wie entsteht ein Buch? Wie landet es im Laden und letztlich zuhause im Buchregel? Einer der Jungen wollte Testleser werden. Gespräch mit Sara, fein, er möge dann mal mit seiner Mutter kommen. Sie kam – und es stellte sich heraus, dass sie Saras ehemalige Babysitterin war. Lesen verbindet. Auch das Testlesen.

Buchladenliebe und die Lage der lesenden Nation

In der Reihe #Buchladenliebe sprechen wir regelmäßig mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem Buchladen über ihre Arbeit. Wir machen gedanklich mit ihnen einen Gang durch ihre Schwerpunktgebiete: Wie ist die Lage der lesenden Nation? Was sind gerade die großen Themen? Welche Bücher und Begebenheiten waren in den letzten Wochen bemerkenswert, welche blieben hängen? Eine kollegiale Plauderei über Dies und Das, aufgezeichnet und nacherzählt von Wibke Ladwig.

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