Der ideale Romananfang, große Kunst im Sachbuch – und ein Dilemma: Ein Gespräch mit Fernando Aco, Verlagsvertreter

„Das ist ja nun ein bunter Strauß an Fragen, deren endgültige Beantwortung wahrscheinlich die unausweichliche Verbesserung der Welt zur Folge hätte. Ach, wäre das schön!“

Allein schon mit dieser Reaktion hatte er mich: Fernando Aco ist Verlagsvertreter. Er reist für dtv Unterhaltung, dtv Literatur, dtv Sachbuch, Orell Füssli Sachbuch, dtv Beck, das Erwachsenenprogamm Der Audio Verlag, und Klett-Cotta. Und er ist ein Freund des Buchladens. Vor wenigen Wochen reiste er mit dem Herbstprogramm an.

Eigentlich wollten wir unser Gespräch fürs Buchladenblog bei dieser Gelegenheit führen – doch das Leben wollte es anders und ich sendete Fernado Aco meine Fragen per E-Mail. Ein bunter Strauß, fürwahr. Und ich freue mich, dass sich Herr Aco während der intensiven Reisezeit für uns Zeit nahm.

Standbild aus unserem Youtube-Video über Vertreterbesuche von 2014

Charaktere, die man nicht vergisst

Lieber Herr Aco, Sie reisen für den dtv Verlag, einer der größten Publikumsverlage in Deutschland. Welche Themen werden Ihrem Eindruck nach in der Literatur aktuell intensiv verhandelt, welche im Sachbuch? Welche Bücher, die Sie zuletzt lasen, sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben? Vielleicht Sätze oder bestimmte Figuren?

„Mir fallen viele ausgezeichnete Bücher der letzten Jahre ein, die nicht gerade mein Leben, aber zumindest Momente desselben beeinflusst haben. Darunter sind viele Jugendbücher, die so ausgezeichnet sind, dass die Charaktere mir als Erwachsenem und sicher auch den Kinder und Jugendlichen nachhaltig in Erinnerung bleiben werden.“

Ich denke an das Gespräch mit  Sara übers Jugendbuch und nicke innerlich. Diese Kinder- und Jugendbücher fallen Fernando Aco spontan auf meine Frage ein:

  • Alle englischen Klassiker wie Schatzinsel; Robinson Crusoe usw., auch gerne in den adaptierten Jugendfassungen,
  • die Anarchie und das Selbstbewusstsein einer Pippi Langstrumpf sind unbedingt zukunftsfähig,
  • John Green, Eine wie Alaska – und alle seine anderen Bücher,
  • Mikael Engström, Brando [Anmerkung der Fragenstellerin: Oh, und auf dem Cover eine Illustration vom wunderbaren Peter Schössow!],
  • alle Bücher von Colleen Hoover.

Fernado Aco ist überzeugt: „Kinder sollten nach wie vor dem Lesen zugeführt werden. Man sollte sich als Elternteil nicht damit herausreden, dass es früher einfacher war. Kinder haben sich immer gewehrt, wenn es darum ging, in ihre selbstbestimmte Freizeit einzugreifen (tun wir ja auch).“

Nach dem Lesen ist vor dem Lesen

„Auf die Frage, welches Buch mich – sagen wir mal – in den letzten 2 Jahren am meisten beeindruckt hat, kann und will ich kein abschließendes Urteil bilden. Denn sobald ich das eine Buch beendet habe, fällt mir ein anderes, unter Umständen besseres Buch ein und schon wäre alles wieder hinfällig.“ Ich grinse, denn genau das macht die unermüdliche Liebe zu Büchern und zum Lesen womöglich aus. Es nimmt kein Ende. Juhu!

Aber dann nennt Fernando Aco doch einige Bücher, die ihn tief berührten:

„1980 fiel mir ein Buch in die Hand, das zweifelsohne damals im falschen Verlag erschienen ist: Die Familie Rezeau von Herve Bazin [Anmerkung der Fragestellerin: nur mehr antiquarisch zu fnden, hier eine Kurzrezension aus der ZEIT von 1981]. Selten hat mich eine Familienbiographie in ihrer Schonungslosigkeit mehr beeindruckt als diese.

Der berühmte erste Satz: So muss ein Romananfang sein

Vor 10 Jahren bekamen wir [dtv] die Veröffentlichungsrechte an der Taschenbuchausgabe zu Salzwasser von Charles Simmons. Wenn man mich fragen würde, wie in der modernen Literatur Romananfänge zu gestalten seien, so hat dieser Romananfang ikonographischen Charakter: Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank. Ich verspreche Ihnen, der Rest ist auch nicht schlecht … Dieses Buch hat eine starke Plot-Anlehnung an Turgenjews Erste Liebe – und steht dem Original ist nichts nach.

Bei den Romanen hat mich in diesem Jahr Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz nachhaltig beeindruckt. Zufälligerweise habe ich es in der Wahlnacht letztes Jahr als Manuskript bekommen und bin doppelt beklommen eingeschlafen. Das exemplarische Szenario der 30er Jahre kann man kaum besser einfangen. In einem simplen und ehrlichen Stil geschrieben, die eigene tragische Biographie des Autors vor Augen, bekommt der Text etwas unglaublich Authentisches.

Große Kunst im Sachbuch

Richtig viel Freude hat mir Zeit der Zauberer von Wolfram Eilenberger gemacht. Eilenberger schafft es nicht nur, die großen Philosophen Wittgenstein, Cassirer, Heiddegger und Bejamin und ihre bahnbrechenden Lehren sowie ihre Unterschiede zu skizzieren, sondern er erschließt uns mit der Einbindung ihrer Privatleben komplett die 20er Jahre und die Weimarer Republik (wie auch die erschreckenden Parallelen zur heutigen Zeit). Das ist ganz große Kunst, die mich nicht nur unterhält, sondern Interesse an mehr auslöst. So müssen Sachbücher sein.“

Welches Buch sollte Ihrer Überzeugung nach momentan in jeder Buchhandlung stehen?

Fernando Aco überlegt und schickt Nachdenkliches voran: „Wenn man viel liest, bleibt einiges haften. Gutes und Schlechtes hält sich in der letzten Zeit die Waage. Wobei sich auch schlechte Bücher gut verkaufen, solange das Marketing komplett greift, das Publikum da mitmacht und der medialen Maschinerie folgt.

Der Buchhandel war noch nie so breit aufgestellt. Alle Programmsegmente werden, um jeden potentiellen Käufer abzugreifen, beackert. Wir können und dürfen alles lesen. Alles steht allen zur Verfügung und es bedarf – weil es soviel ist – der einordnenden Hand der BuchhändlerInnen. Was uns fehlt, ist eine überlebensfähigmachende Kundenfrequenz für den gesamten Einzelhandel in den Städten.

Die Freiheit, frei zu sein

Aber nun zur Frage, was momentan meiner Meinung nach in jeder Buchhandlung stehen sollte:

  • Apologie der Pluralität (hört sich schlimmer an, als es ist) von Hannah Arendt aus dem Verlag Matthes & Seitz
  • Die Freiheit, frei zu sein von Hannah Arendt (und alle sollten den Versuch unternehmen, das zu lesen und umzusetzen. Denn wir waren in letzten 10 Jahren noch nie weiter davon entfernt.

Da haben wir mein Dilemma!

Mir fallen noch Hunderte von Büchern aus vielen, vielen anderen Verlagen ein (die es z.T. heute nicht mehr gibt).“

Privates Lesen, berufliches Lesen

Wer dem Buchladen bereits länger in Social Media folgt, ist Fernando Aco möglicherweise bereits begegnet. Vor drei Jahren machten wir mit Adrian Richter eine kleine Video-Reihe zu Geheimnissen des Buchladens: Bitte sehr, so ist ein Vertreterbesuch bei uns. Inzwischen in etwas anderer Besetzung, nun mit unserem Guido. Meine letzte Frage an Fernado Aco: Ich erinnere mich, dass Sie in unserem Film über Vertreterbesuche sagten, dass Sie sehr viel und sehr gerne lesen. Unterscheiden Sie zwischem beruflichen und privaten Lesen? Geht das überhaupt?

Die Antwort ist eindeutig: „Ich trenne berufliches und privates Lesen nicht mehr – und das ist gut so!“ In der Tat. Dem können wir uns nur anschließen, lieber Herr Aco. Unseren herzlichen Dank, dass Sie Ihre Gedanken mit uns teilten. Ihre Lese-Empfehlungen greifen wir gern auf und teilen sie wiederum mit anderen.

Und beim nächsten Mal machen wir dann auch ein aktuelles Foto. 🙂

Wir sehen uns im Buchladen!

+++ In unserer Reihe #Buchladenliebe mache ich mit Menschen aus dem Buchladen einen gedanklichen Gang durch ihre Fachgebiete und durch ihre Gedanken zum Lesen und Büchern. +++

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