»Land der Söhne«

»Land der Söhne«

Milena Moser »Land der Söhne«

Christiane Dreiling

Ein Tipp von Christiane Dreiling

Einfühlsam erzählte Familiengeschichte aus der Sicht dreier Kinder. Obwohl es um schwere Themen geht, erzählt Milena Moser leicht und mitreißend. Außergewöhnlich ist auch der Schauplatz: New Mexico. Tolles Buch!
 


und das sagt der Verlag dazu:

Zentrale Erlebnisse aus drei Kindheiten fügen sich zu einer Familiengeschichte, in der man jedem Einzelnen nahekommt. Da ist zum einen in den 40er-Jahren der kleine Luigi, der auf ein strenges Outdoor- Internat in New Mexico geschickt wird und dort lernen soll, wie man ein richtiger Mann wird. Dann sein Sohn Giò, der mit seiner Mutter in den 70er-Jahren in eine Hippie- Kommune zieht und plötzlich ganz auf sich allein gestellt ist. Und da ist die 12-jährige Sofia, die mit zwei Vätern aufwächst und sich mit Papa Giò auf eine lange Zugreise in Richtung Vergangenheit begibt. Ein Familienepos, das eindrücklich von Freiheit, Geschlecht, Kindheitsprägung und Identität erzählt.
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Format

Taschenbuch

Milena Moser – Land der Söhne
Roman

Taschenbuch
Format: 11,6 x 18,5 cm , 415 Seiten
ISBN: 978-3-0369-6100-2

12. Mai 2020
14,00 EUR
Menge

Leseprobe

LUIGI

Draußen zog eine Landschaft vorbei. Sonnenverbrannte Hügel, gelbe Felder, vereinzelte Bäume. Keine Palmen mehr. Und auch das Meer konnte er nicht mehr sehen. Er schaute wieder in sein Buch, seine Augen schweiften über die Seiten, ohne mehr als ein paar Satzfetzen zu erfassen. «…den Anblick von Blut nicht gewohnt…Die Kiefer in atmendem Schweigen … nicht mehr gefährlich …» Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper. Es war das erste Buch, das er auf Englisch gelesen hatte. Sein Vater hatte es ihm mitgegeben, für die Reise damals. Obwohl er noch gar kein Englisch konnte.
«Das ist doch kein Kinderbuch», hatte seine Mutter gesagt. Sie wollte ihm das Buch wegnehmen, aber er hatte es behalten. Er las es immer wieder, und jedes Mal verstand er etwas mehr. Das Englisch war altmodisch und umständlich, die Beschreibungen verwirrend, immer wieder verlor er den Faden der Handlung. Und doch liebte er dieses Buch, gerade seine unverständlichen Passagen. Es beruhigte ihn, wie ihn die Stimme seines Vaters beruhigt hatte. Er hatte ihm vor dem Schlafengehen immer aus dem Buch vorgelesen, das er gerade selber las, ob es ein Gesetzbuch war oder ein Gedichtband. Ohne Rücksicht darauf, ob Luigi auch nur ein Wort verstand. Gerade das hatte ihn beruhigt und zuverlässig einschlafen lassen: der Klang dieser Stimme, die so viel mehr wusste als er.
«Schon wieder die Nase im Buch», seufzte Giovanna. Sie verstand nicht, dass Luigi auch das für seinen Vater machte. Sein Vater hatte immer ein Buch in der Tasche, manchmal zwei. Er umwickelte sie mit einem schmalen Lederbändel und schob sie in seine Jackentasche. Manchmal ließ er sie auch von seinem Finger baumeln. So wie er das mit dem Kuchenpaket machte, das er am Samstag aus der Bäckerei holte. Das Paket schaukelte an seinem Finger hin und her, und bis er zuhause ankam, war die gelbe Creme vom Teigboden gerutscht, und Giovanna schimpfte. Je mehr Zeit verging, desto schwerer fiel es Luigi, diese Erinnerungen festzuhalten. Diese Momente. Manchmal wusste er gar nicht mehr, ob sie echt waren oder ob er sie selber zusammengesetzt hatte. Aus seinen Träumen, seinen Wünschen.
Er tat nur so, als würde er lesen, als sei er ganz in sein Buch vertieft. Als könnte er seine Mutter nicht hören.
«Schau doch», sagte sie immer wieder und zeigte zum Fenster. «Schau doch, wie schön!» Dabei sah sie gar nicht aus dem Fenster. Ihr Blick war auf Luigi geheftet. Ihr Blick war schwer zu deuten. Luigi sah wieder in sein Buch. Er ertrug diesen Blick nicht, der falsche Hoffnungen weckte. «Lass uns umkehren», schien er zu sagen. «Komm, lass uns zurückfahren. Ich will nicht, dass du so weit weg von mir bist.» Aber der Blick täuschte. Luigi schaute nicht von seinem Buch auf, nicht aus dem Fenster. Er las denselben Satz wieder und wieder.
«Guarda, guarda!»Manchmal sprach seine Mutter noch Italienisch mit ihm. Er tat dann immer so, als könne er sie nicht mehr verstehen. Das hatte er seinem Vater versprochen: «Sobald wir auf dem Schiff sind, sprechen wir nur noch Englisch miteinander.» Luigi hatte sich daran gehalten. Sein Vater nicht. Er war ja gar nicht auf dem Schiff gewesen. Im letzten Moment hatte er beschlossen, in der Schweiz zu bleiben. Er konnte seine Klienten nicht im Stich lassen.
«Und was ist mit uns?» «Es ist doch nur für ein paar Wochen. Monate, höchstens!»
Mehr als vier Jahre war das her. Vier Jahre, in denen sein Vater nicht oft geschrieben hatte und irgendwann gar nicht mehr. Es war Krieg. Briefe gingen verloren. Sie waren zu oft umgezogen, dachte Luigi. Sein Vater wusste nicht, wo sie jetzt wohnten. Wahrscheinlich wusste er nicht einmal, dass Luigi jetzt auf diese Schule geschickt wurde. Mitten im wilden Westen, wo es Indianer gab und Berglöwen, ungesattelte Pferde und Lagerfeuer. Es waren andere Indianer als in dem Buch. Der letzte Mohikaner lebte im Nordosten Amerikas, nicht weit von New York, wo ihr Schiff angelegt hatte.
Es war immer nur von Amerika die Rede gewesen. Nicht von New York oder Los Angeles oder gar dem Wilden Westen. Immer nur Amerika, als sei es ein Ganzes, als zerfiele es nicht in die groben Puzzleteile, mit denen die Kinder in der Schule die Namen der einzelnen Staaten lernten. Los Angeles war weiter von New York entfernt als Locarno. Aber immer noch in Amerika.
Luigi schrieb auch immer seltener, aber immerhin schrieb er noch. Und von allem Anfang an auf Englisch. «Dear dad» – mehr konnte er damals nicht. Er zeichnete das Schiff und die hohen Häuser im Hafen. Die Worte wurden mehr, die englischen. Die Briefe weniger. Die Jahre in Amerika wurden mehr und die Jahre in der Schweiz weniger. Irgendwann würden es mehr Jahre in Amerika sein als in der Schweiz, mehr Jahre ohne seinen Vater als mit ihm. Jetzt war er schon zwölf Jahre alt und kein Kind mehr.
«Guarda! Guarda i cavalli!», rief seine Mutter jetzt.
Pferde. Pferde vor dem Fenster. Luigi konnte nicht widerstehen, er hob seinen Blick. Folgte ihrem Finger, der aus dem Fenster zeigte. Wilde Pferde galoppierten neben ihnen her. Hellbraune Pferde, gefleckte Pferde, ein schwarzes. Sie liefen so schnell, wie der Zug fuhr. Sie waren kleiner, als Luigi gedacht hätte. Er ließ sich seine Aufregung nicht anmerken, sondern schaute gelangweilt wieder in sein Buch.
«Rede Englisch», wollte er seine Mutter anfahren, aber genau das sagte Marvin ja immer: «Rede Englisch. Wir sind hier in Amerika.»
Luigi wusste alles über Amerika. Sein Vater hatte ihm erklärt, auf welchem Fundament Amerika ruhte: auf Lügen. Auf Tricks. Verseuchten Wolldecken. Auf Verträgen, an die sich keiner hielt. Sklaverei. Ungerechtigkeit. «Und trotzdem», hatte Giorgio gesagt. «Trotzdem, das ist das Wunder. Trotzdem ist Amerika das Land geworden, in dem jeder eine Chance hat. In dem alles möglich ist.»
Warum war er dann nicht hier?
Wo war er?
«Warum sind wir weggegangen?», fragte Luigi. Giovanna schaute erstaunt auf. Sie strickte etwas. Es sah aus wie eine Mütze, aber eine sehr kleine Mütze. Einer Orange würde sie passen oder einer Puppe vielleicht. Sie legte die Handarbeit in den Schoß und schaute aus dem Fenster, die gelben Felsen schienen sich nicht zu bewegen. Dann schaute sie Luigi an.
«Das haben wir doch besprochen», sagte sie. «Marvin hat es dir erklärt. Die Outdoor School in Española hat einen sehr guten Ruf.»
«Das meine ich nicht. Warum sind wir weg aus Locarno?» Es ergab keinen Sinn. Es war kurz vor dem Ausbruch des Krieges gewesen. Flüchtlinge aus Deutschland versuchten, in die Schweiz einzureisen. Wer würde in diesen Zeiten die Schweiz verlassen?
«Warum willst du das ausgerechnet jetzt wissen?»
«Weil ich es ausgerechnet jetzt wissen will!» Er klang wie ein kleines Kind.
«Die Politik», sagte Giovanna. «Das verstehst du nicht.»
«Sind wir Juden?», fragte Luigi, um ihr zu zeigen, dass er sehr wohl verstand. Er hörte die Nachrichten im Radio. Er hörte die Kinder in der Schule reden. Immer mehr Kinder kamen aus Europa. Ihre Eltern arbeiteten für den Film, sie schrieben Drehbücher, sie komponierten Musik, manche waren Schauspieler. Die hatten es am schwersten, wegen der Sprache. Manchmal wartete Luigis Mutter geradezu gierig auf ihn, wenn er aus der Schule kam. «Erzähl, was war heute? Sind wieder neue Kinder gekommen? Ich habe gehört, dass die Kaminskis jetzt hier sind, ist der Sohn in deiner Klasse? Er müsste in deinem Alter sein.» Manchmal erwähnte sie dann seinen Vater. «Giorgio kannte den ganz gut, vielleicht erinnert er sich an uns.»
Wie kam sie darauf, dass er nicht verstand?
«Warum sind wir weg und Papa nicht?»
«Es war nicht genug Geld da», sagte sie. «Wir konnten uns nur zwei Überfahrten leisten.»
«Das glaube ich nicht!»
«Ach, du! Nun ja, der Nonno brauchte ihn noch. In der Kanzlei. Verstehst du, es waren schwierige Zeiten, und sie sind nicht einfacher geworden. Immer mehr Leute brauchen einen guten Anwalt. Und Giorgio hat eben ein Gewissen – im Gegensatz zu mir …» Sie lachte ein Lachen, das nicht lustig war. Dann wurde sie wieder ernst. «Vor allem wollte er, dass du ein gutes Leben hast. Dass du sicher bist.»
«Wenn wir nicht Juden sind, was sind wir dann? Kommunisten?»
Das war nur so dahingesagt, Kommunisten lebten nicht in großen Wohnungen mit Blick auf den See, Kommunisten trugen keine maßgeschneiderten Anzüge, keine handgenähten Lederschuhe. Seine Mutter runzelte die Stirn und nahm ihre Handarbeit wieder auf. «Sag bitte nicht so etwas. Und schon gar nicht vor Marvin!» Sie zählte die Maschen, sie seufzte.
Zu Beginn hatte seine Mutter noch geweint. Im Zug nach Genua fast ununterbrochen. Doch schon auf dem Schiff nach New York freundete sie sich mit zwei Paaren an, die in der ersten Klasse reisten. Sie luden sie an ihren Tisch ein, im besseren Speisesaal, sie hörten zusammen Musik, sie diskutierten, sie tanzten. Immer öfter ließ sie Luigi abends allein in ihrer engen Kabine zurück. Doch als sie in New York ankamen, reisten ihre neuen Freunde weiter. Und Luigi und seine Mutter blieben zurück.
Sie warteten auf Giorgio, dachte Luigi damals. Doch sie warteten nicht lange.
Wenige Wochen nur blieben sie in diesem düsteren Mietshaus in New York, in dem Schatten durchs Treppenhaus huschten und es nach Urin und Kohl stank. Ihr Zimmer hatte kein Fenster und nur ein schmales Bett. Doch die anderen Zimmer im Haus waren von ganzen Familien belegt, vier, fünf Personen schliefen, kochten, aßen auf den knappen Quadratmetern. Sie schienen sich alle zu kennen. Sie gehörten nicht dazu. Die anderen Frauen machten sich lustig über Giovannas Dialekt. Giovanna hielt sich wohl für etwas Besseres, sagten sie. Heimlich gab Luigi ihnen recht. Seine Mutter war etwas Besseres. Und sie wusste das auch. Schließlich waren sie nicht vor der Armut geflohen, sondern vor der Politik. In Locarno hatten sie in einer großen Wohnung mit hohen Fenstern gelebt, mit Blick auf die Seepromenade. Doch das zählte jetzt alles nicht
mehr. Sie waren in Amerika. Und in Amerika waren alle gleich. Das hatte Giorgio versprochen. Doch das stimmte nicht. Das hatte Luigi schnell verstanden. Und manchmal machte ihn das wütend. Sein Vater musste gewusst haben, was sie erwartete. «Pass auf deine Mutter auf», hatte er zu Luigi gesagt. In der ersten Nacht in New York hatte Luigi den einzigen Stuhl an die Tür ihres Zimmers geschoben und im Sitzen geschlafen. Die ganze Nacht hatte es an der Tür gerüttelt. Sie waren nicht die Einzigen, die ohne Mann gereist waren. Aber die anderen Frauen waren nicht so schön wie seine Mutter. Giovanna war groß und schlank. Ihr Haar war dunkelbraun und gelockt, wenn die Sonne darauf schien, fast rot. Luigi hatte ihr Haar. Und ihre nussbraunen Augen. New York machte seine Mutter hart und still. Sie weinte nicht mehr, aber sie lachte auch nicht. Ihre Lippen verschwanden, als hätte sie sie eingesogen und im Innern ihres Mundes versteckt.
Das war nicht das Amerika, das sein Vater ihm beschrieben hatte.
Doch nach wenigen Wochen verließen sie New York und fuhren nach Los Angeles, wo seine Mutter eine Stelle als Kostümschneiderin in einem Filmstudio gefunden hatte. Das war eine andere Zugreise gewesen als diese jetzt. Sie hatten auf harten Holzbänken gesessen und im Sitzen geschlafen. Sie hatten kalte Kartoffeln gegessen und eine Wurst, die Giovanna eingepackt hatte. Trotzdem war es besser gewesen. Seine Mutter hatte sich an ihn geklammert, und Luigi hatte sie beschützt. Er hatte für sie übersetzt, obwohl er selber erst wenige Worte Englisch sprach. Sein Vater wäre stolz auf ihn gewesen.
Autorin

Milena Moser, 1963 in Zürich geboren, ist eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Schweiz. 2015 emigrierte sie nach Santa Fe, New Mexico. Zuletzt erschienen die ...

Kein & Aber · 415 Seiten · ISBN 978-3-0369-6100-2 · 2020

14 EUR (inkl. 5% MwSt.)

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