„Der Krieg ist nie vorbei mit einem Datum.“ Martin Piekar erzählt in seinem fulminanten Romandebüt von einem Aufwachsen in einer traumatisierten Familie, Mutter und Sohn auf engem Raum, vom Wunsch nach Zugehörigkeit und erfahrener Ablehnung - und nicht zuletzt ist es auch eine Geschichte von Deutschland als Ort der Scham für die aus Polen geflüchtete Frau. Zwei Menschen, zwei Zimmer, zwei Länder, Polen und Deutschland.
Der Roman zog mich beim Lesen förmlich in sich rein, mit seiner verschriftlichten gesprochenen Sprache, den eingewobenen Zeilen aus Songs, Soundtrack und Zuflucht zugleich des heranwachsenden Marcin, der mit seiner Mutter ringt, um seine Identität und schließlich mit der Pflege der Alkohol- und Krebskranken.
Keine leichte Kost, aber ein literarisches Erlebnis. Ich las irgendwo, dass das Buch nichts für Zartbesaitete sei. Weil die Schilderungen mitunter so drastisch sind. Ich finde in und unter den Sätzen indes so viel Zartheit und Zerbrechlichkeit, dass mir sie eher wie Selbstverteidigung vorkommen. Hier ist nichts Brutales um seiner selbst willen, sondern ein Überleben trotzdem, ein Schrei voller Kraft und Gefühl.
Wer Martin Piekar bei einer Lesung erleben kann, sollte die Möglichkeit ergreifen. Oder sich eine preisgekrönte Performance beim Bachmannwettbewerb 2023 mit einem Auszug aus diesem Buch ansehen. Seine nicht minder lesenswerte Lyrik ist im Verlagshaus Berlin erschienen.
Marcin wächst auf in prekären Verhältnissen: Seine Mutter floh in den 1980ern aus Polen nach Deutschland, um ihn, ihr zweites Kind, hier großzuziehen. Sie arbeitet hart als Altenpflegerin, sie trinkt zu viel, und irgendwann sieht sie in ihrem Sohn nur noch den Antagonisten. Währenddessen versucht Marcin, mit Videospielen, Nu Metal und Gedichten herauszufinden, wer er ist und hier in Deutschland sein kann. In dieser Spannung leben die beiden mit- und gegeneinander.
Erst spät im Leben – die alternde Mutter ist schwer krank, und Marcin pflegt sie – offenbart sich die Familiengeschichte in Gänze: eine Lebenserzählung zwischen Anekdote und Abgrund. Der Krieg ist nicht vorbei. Kein Krieg ist je vorbei.
2023 fand Martin Piekar mit einem Auszug aus diesem Roman beim Bachmann-Preis in Klagenfurt begeistertes Echo; er wurde mit dem Robert-Gernhardt-Preis 2024 ausgezeichnet und war 2025 für den Alfred-Döblin-Preis nominiert.